Schweden – Westküste von Göteborg zum Svinesund

Von Anholt segeln wir hinüber nach Schweden, der Wind passt perfekt. Bei Sonnenschein gleiten wir durch das Kattegat, so macht es Spaß! Wir müssen noch die Hauptschifffahrtsroute vor Göteborg kreuzen, bei dem regen Verkehrsaufkommen der zahlreichen Frachtschiffe, ist es für uns unter Segel eine spannende Sache.

Es ist zwar kein Verkehrstrennungsgebiet, d.h. die Frachtschiffe haben keine Vorfahrt und wir sind nicht verpflichtet den Weg rechtwinklig zu queren. Trotzdem möchten wir nicht auf unser Vorfahrtsrecht pochen, welches uns unter Segel eigentlich zusteht. Also suchen wir uns eine Lücke, in der es vielleicht passen könnte. Leider ist der eine Frachter langsamer als gedacht und der nächste dafür schneller, so ein Mist. Wir funken den zweiten Frachter an und fragen, ob wir noch vor ihm lang können. Er bittet uns, hinter ihm zu passieren, das wäre ihm lieber. Na gut, für uns heißt es das Vorsegel einzuholen um Fahrt rauszunehmen. Wir haben ja Zeit, was soll´s!

Nun suchen wir noch einen passenden Ankerplatz in den Schären, wir brauchen Schutz vor dem starken Westwind.

Abendstimmung in den Schären vor Göteborg

Der Wind bläst jeden Tag beständig in Stärke 4 – 6 und dazu auch noch sehr kalt. Dementsprechend kleiden wir uns zum Segeln: Funktionsunterwäsche, dicker Pulli und Jacke. Die Schweden und Norweger begegnen uns in T-Shirt und Shorts!! Keine Frage, sie stammen von den Wikingern ab, anders ist dies nicht zu erklären!

Das Segeln durch die Schären ist schon etwas aufregend. In den äußeren Schären pustet der Wind ganz ordentlich, er drückt das Wasser gegen die Felsen und lässt die Gischt eindrucksvoll hochschlagen. Die inneren Schären sind geschützter, dort segeln wir teilweise durch wunderschöne kleine Ortschaften, oder an bewaldeten Felsen vorbei. Die gerundeten Felsen aus der letzten Eiszeit zeigen bizarre Formen, man kann sich nicht sattsehen.

Segeln durch die Schären

…durch zauberhafte Orte

Gerade bewundern wir tiefe Wolkenfelder, von See kommend, ein schönes Naturschauspiel. Da wird uns schlagartig bewusst, was das für uns bedeutet: von jetzt auf gleich herrscht dichter Nebel, man kann die Hand vor Augen nicht mehr sehen, und das mitten im uns unbekannten Schärengebiet – gefühlt ein worst case!!

Unser Radar will nicht starten, das auch noch! Warum zickt der denn jetzt rum?! Zum Glück haben wir den Plotter und müssen uns nun blind auf ihn verlassen, von der Umgebung sehen wir nichts. Ein entgegenkommender Segler funkt uns an und bittet uns weiter zur Seite zu gehen, Scherzkeks, da sind nur Felsen! Er hat so viel Abstand zu uns, dass wir ihn nicht einmal sehen als er auf unserer Höhe ist. Vielleicht hätte er den Maßstab am Plotter ändern sollen! Als wir nach gefühlt endloser Zeit an Marstrand vorbei kommen, fragen wir gleich im Hafen an, ob wir vielleicht einen Platz bekommen können. An Ankern ist nicht zu denken, wir können nichts sehen und die anderen Yachten würden uns am Ankerplatz auch nicht sehen.  Zum Glück können wir einen Platz im Hafen bekommen, yippieh!

Eine deutsche Yacht kommt nach uns in den Hafen und ruft uns strahlend zu: „danke, dass ihr vor uns wart. Wir konnten euch auf AIS sehen und sind euch durch den Nebel gefolgt, das war super!“  Nun können wir auch wieder lachen, jetzt wo wir so sicher im Hafen liegen! Die Sonne versucht langsam den Nebel zu verjagen und gibt immer mehr vom  zauberhaften Ort Marstrand frei. Der Hafenmeister ist so freundlich und rundet zum Bezahlen unsere Bootslänge ab anstatt sie aufzurunden (!!), wie nett, das ist uns noch nie passiert. Häufig müssen wir einen Katamaran-Zuschlag bezahlen, aber bislang nicht in Skandinavien. Und als besondere Überraschung stehen auch noch saubere Waschmaschinen und Trockner kostenlos zur Verfügung, wow!  Gut, dass der Nebel uns hierher verschlagen hat! Wir erledigen unsere gesamte Wäsche, kaufen ein und haben auch noch Zeit zum Spazieren. Marstrand ist ein entzückender Ort mit wunderschönen Holzhäusern und einer Festungsanlage. Der Ort ist so schön, dass wir uns nicht satt sehen können und die Gassen mehrfach laufen. Abends lockt uns noch der schöne Wanderweg durch Wald und über Felsen und ermöglicht verschiedene Ausblicke auf die weite Schärenlandschaft, dazwischen das glitzernde Meer, traumhaft.

Marstrand
Marstrand
Bäderarchitektur in Marstrand
Marstrand Promenade
Blick auf Marstrand
Blick über die Schärenlandschaft von Marstrand

Der Abschied fällt schwer, bei strahlendem Sonnenschein, mit eisigem und starkem Wind geht es weiter nach Fjällbacka. Hier wohnen Lisa und Johan, unsere Segelfreunde aus Schweden. Mit ihnen sind wir 2017 über den Atlantik gesegelt und haben uns auch in der Karibik mehrfach getroffen. Die beiden sind dann weiter um die ganze Welt gesegelt und letztes Jahr wieder in Fjällbacka angekommen. Der letzte Teil ihrer Reise wurde durch die Pandemie sehr kompliziert, doch sie haben sich durchgebissen und sind schließlich von Südafrika über Brasilien, Karibik, Azoren gezwungenermaßen mehr oder weniger Nonstopp zurück nach Schweden gesegelt. Chapeau!!

Als wir gemeinsam in der Karibik waren, sprachen wir oft über ein späteres, gemeinsames Wiedersehen in Schweden und nun sind wir tatsächlich hier, es ist unglaublich, die Vorfreude ist riesig.

Die Zufahrt durch die Schären nach Fjällbacka hat es in sich, der Wind braust weiter auf, der Himmel zieht sich zu und wechselt in ein unfreundliches grau, die See ist aufgepeitscht, es regnet. Gerrit ist hochkonzentriert, wahrlich kein einfaches Revier, besonders für einen Katamaran und unter Segeln. Johan zollt uns dafür später größten Respekt, das macht uns ein wenig Stolz. 

Es gibt für uns keine Möglichkeit im Hafen von Fjällbacka anzulegen. Die einzigen freien Plätze sind außen am Steg, der Wind weht mit 5 bis 6 Bft. und würde uns auf den Steg drücken, keine Chance! Außerdem würden wir hier sehr unruhig liegen. Wir entscheiden uns für die nahegelegene Ankerbucht, dort haben wir perfekten Schutz für die Nacht. Doch die Entfernung zum Ort macht es uns unmöglich, bei den herrschenden Wetterverhältnissen mit dem Dinghy an Land zu fahren. 

Lisa und Johan leihen sich spontan von ihrem Nachbarn ein stärkeres Boot und kämpfen sich durch das stürmische Wetter zu uns. Triefendnass kommen sie zu uns an Bord und wir liegen uns lachend in den Armen. Es ist eine riesige Wiedersehensfreude auf beiden Seiten. Fünf Jahre sind vergangen, es gibt so viel zu erzählen, wir sind alle vier überwältigt. 

Lisa und Johan haben sich durch Regen und Wind zu uns an Bord gekämpft! Wiedersehen nach 5 Jahren!

Johan will uns am nächsten Morgen abholen. Gemeinsam wollen sie uns die Umgebung von Fjällbacka zeigen.

Ankern vor Fjällbacka
Spaziergang durch Fjällbacka

Fjällbacka hat sich vom einstigen Fischerort zum quirligen Touristenort entwickelt. Es gibt hier nette kleine Lokale, Läden und eine 200 m lange Felsspalte. Diese Felsspalte ist sehr beeindruckend und unter den Namen „Kungsklyfta“ – Königsklippe bekannt, da sich dort einst der schwedische König bei einem Besuch mit einer Felszeichnung verewigte. Noch heute sind die Menschen in Fjällbacka sehr stolz darauf, erzählt Johan. Eine weitere berühmte Persönlichkeit aus Fjällbacka ist Ingrid Bergman. Sie besaß die Nachbarinsel Dannholmen und war hier ein häufiger und gern gesehener Gast. Sie veranstaltete für die Kinder Regatten rund um Dannholmen. Trotz der zahlreichen Touristen ist Fjällbacka wirklich ein angenehmer Wohlfühlort.

„Im Winter ist es hier sehr ruhig, da freut man sich, wenn man jemanden auf der Straße trifft“, so Lisa lachend.

Felsenschlucht in Fjällbacka
Blick über Fjällbacka

Nach einem kleinen Snack in einem reizenden Lokal am Hafen geht es mit dem Auto weiter. Johan und Lisa zeigen uns imposante Küstenabschnitte mit kleinen roten Fischerhäuschen, weiter geht es zu einer Grabstätte aus der Wikingerzeit. Diese, so erzählt Johan, stammt aus der Zeit, als die Wikinger ständig Schottland überfielen und plünderten. Die Schotten beschlossen eines Tages das gleiche mit den Wikinger zu tun und segelten hinüber nach Schweden. Das wiederum fanden die Wikinger nicht lustig, es gab eine große blutige Schlacht, sie erschlugen alle schottischen Eindringlinge. Danach errichteten sie zahlreiche Hügelgräber, teilweise mit Urnen, in denen sie die Schotten bestatteten. Zusätzlich stellten sie große,spitze Felssteine auf die Gräber. Ein mystischer Ort.

Grabfeld aus der Wikingerzeit
Schroffe Küste nördlich von Fjällbacka
Lisa, Johan und Pascale
Fischerhütten
traditionelles Fischerboot

Weiter geht es nach Tanums Hällristningar. Dort bewundern wir Felszeichnung aus der Bronzezeit, die zum Unesco Weltkulturerbe gehören. Auch dies ist sehr beeindruckend.

Felszeichnung aus der Bronzezeit
Links ist die Lebenszeit abgebildet, die gestrichelte Linie bedeutet den Übergang in die Zeit nach dem Tod

Von Lisa und Johan bekommen wir viele Tipps und stellen dadurch unsere ursprüngliche Reiseroute um. Sie raten uns davon ab in den Oslofjord zu segeln. Wir sollten uns statt dessen mehr Zeit für die Südküste Norwegens nehmen, so ihr Tipp. Zusätzlich erfahren wir eine Menge über Schwedens Kultur. So z.B. über das „Jedermannsrecht“. Bei uns an Bord gab es zu diesem Thema stets lebhafte Diskussionen, z.B. wenn Gerrit mit dem Dinghy an fremden Stegen anlegen wollte, während ich zweifelte, ob wir das wirklich dürfen. Lisa bestätigt es tatsächlich. Man kann überall, an jedem privaten Steg anlegen und über das Grundstück zum öffentlichen Weg laufen. Man sollte nur so viel Anstand haben und die Privatsphäre der Bewohner respektieren. Ich bin beeindruckt von der schwedischen Kultur! 

Abends gibt es noch ein Barbecue in Johan und Lisas Sommerhaus. So viele Eindrücke, die auf uns einwirken, dazu den ganzen Tag Englisch sprechen, wir sind Abends alle fix und fertig aber sehr glücklich, was für ein Tag!

Am nächsten Tag treffen wir uns noch  mit Numo und Rita aus Greetsiel, unserer alten Heimat. Sie kommen von Oslo und  segeln in umgekehrter Richtung als wir. Hier in der Ankerbucht von Fjällbacka treffen wir uns und verbringen einen schönen Abend zusammen, bevor es für uns in Richtung Norden weitergeht, für die beiden geht es weiter in Richtung Göteborg.

Numo und Rita, SY Clabbydoo, Greetsiel

Ankerbucht in den Schären
Austern satt! „All you can eat“ für Möwen. Wer räumt den Rest weg?!
Sonnenuntergang in der Ankerbucht

Wir segeln weiter durch die beeindruckende Schärenlandschaft, vorbei an unzähligen Inseln, so zahlreich, dass man sich deren Namen nicht mehr merken kann. Plötzlich erreicht uns ein Funkruf, hier inmitten dieser Naturlandschaft funkt jemand Mojito an. Wer kann das sein? Kein Segler in sichtbarer Nähe, wir sind irritiert.

Wir wechseln auf den vereinbarten Kanal und sind gespannt, wer da etwas von uns will…!„sagt mal, wir sehen euch auf AIS gerade an Grebbestadt vorbeiziehen. Kann es sein, dass wir in der Karibik nebeneinander geankert haben?“, so die Anfrage über Funk. Ja, tatsächlich, Katamaran Alegria mit Heimathafen Emden und wir, Mojito, mit Heimathafen Norddeich, ankerten nebeneinander in Grande Anse/ Martinique und wir verbrachten einen netten Abend mit Hermann und Conny. Alegria ist verkauft, so erfahren wir von Hermann, und sie sind nun mit einem Motorboot und Familie unterwegs von Grebbestadt in Richtung Süden. Die Welt ist manchmal so klein!!

Nach einem Stopp in Strömstad geht es hinüber zu den Kosterinseln, ein vorgelagertes Naturreservat mit zwei Hauptinseln und einer Vielzahl kleinerer Schären. Die Ankerbucht auf Südkoster erweist sich als nicht geeignet, der Wind bläst kräftig hinein, hier finden wir keinen Schutz. Auf Nordkoster finden wir einen reizenden kleinen Hafen, das Anlegen gegen den Wind gestaltet sich schwierig und der kräftige Wind macht das Liegen sehr unruhig. Die Leinen knarren während Mojito am Steg stetig hin und her tanzt. Trotzdem ist es ein zauberhafter Ort, wie aus einer anderen Zeit. Wir erkunden die Nordinsel zu Fuß. 

entzückender kleiner Hafen von Nordkoster. Mojito passt nicht wirklich hierher!
und muss deshalb außen am Steg liegen

Nun wird es langsam Zeit sich von Schweden zu verabschieden, doch bevor wir nach Norwegen gehen, wollen wir doch noch gerne das Mittsommerfest in Schweden erleben. Es wird in ganz Schweden ausgiebig gefeiert, so heißt es. Wir haben eine wunderschöne kleine Ankerbucht im Svinesund entdeckt. Sie ist perfekt, denken wir, denn die eine Seite gehört zu Norwegen und die andere Seite zu Schweden. In Norwegen wird Mittsommer ein Tag früher gefeiert, sie entzünden dafür große Feuer und trinken sehr viel Alkohol (obwohl sehr, sehr teuer!), lesen wir. Wir lesen weiter, dass man die Feuer am besten von See aus bewundern kann. Ah, super, genau hier bleiben wir und beobachten erst die norwegische Feier und ein Tag später die schwedische. Perfekt! Doch…, nichts passiert. Weder feiern am ersten Tag die Norweger noch die Schweden am nächsten Tag, hm! Dafür war die Ankerbucht super schön, nun geht es weiter nach Norwegen.

Ankern in der Bucht Saltbacken in Schweden, mit Blick nach Norwegen
Brücke über den Svinesund, links Norwegen, rechts Schweden
Mitternacht in Mittsommernacht

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